Hinweis: Um die korrekte Darstellung der Seite zu erhalten, müssen Sie beim Drucken die Hintergrundgrafiken erlauben.

Die Bibliothek des Evangelischen Ministeriums im Augustinerkloster Erfurt

Die Bibliothek des Evangelischen Ministeriums wurde im Jahr 1646 von der lutherischen Geistlichkeit der Stadt Erfurt als Dienstbibliothek gegründet und im aufgelassenen Augustinereremitenkloster aufgestellt. Zur Rechtfertigung ihres Vorhabens beriefen sich die Stifter auf Martin Luther, der »zum großen Manne und theuren Rüstzeuge GOTTES« geworden sei, weil er in seinen Studentenjahren nicht allein fleißig gebetet, sondern auch die Bibliotheken eifrig besucht habe. Der Fundationsbericht im Stifterbuch verweist überdies darauf, daß der Reformator selbst in der Ratsherrenschrift (1524) die Nützlichkeit von Bibliotheken ausdrücklich hervorhebt. Wegen eines geeigneten Raumes wandten sich die Pfarrer an den Rat der Stadt und erhielten eine Kapelle über der Augustinerkirche zugewiesen. Als sich diese wenig später als zu klein und überdies als baufällig erwies, erlaubte die Stadtobrigkeit die Unterbringung der Bücher im Obergeschoß der alten Mönchsbibliothek.
 

Aus dem Anfangsbestand von lediglich 40 Büchern entwickelte hat sich im Laufe der zurückliegenden knapp vier Jahrhunderte durch die Pflichtabgaben der Pfarrer – sie wurden per Satzung dazu verpflichtet, bei ihrem Amtsantritt und beim Ausscheiden aus dem Dienst der Bibliothek ein Buch zu übergeben –, gezielte Zukäufe, Schenkungen von Privatpersonen und die Übernahme institutioneller Bibliotheken eine Sammlung, die heute rund 60.000 Bestandseinheiten umfaßt. Unbeschadet des Charakters einer theologischen Fachbibliothek kennzeichnet die Bestände eine schon von den Stiftern der Einrichtung beabsichtigte universale Ausrichtung, die neben den geisteswissenschaftlichen Disziplinen wie Philosophie, Geschichte und den verschiedenen Philologien etwa auch Medizin und Naturwissenschaften, Pädagogik, Astronomie, Botanik oder Ökonomie, Jurisprudenz, Belletristik und Reiseliteratur einschließt.
 

Im 18. und 19. Jahrhundert gingen mit dem Teilnachlaß von Paul Christian Birckner (1742, 860 Bände), dem Nachlaß von Johann Heinrich von Gerstenberg (1774, 41 Handschriften zur Erfurter Geschichte), dem Vermächtnis von Theophil Friedrich Künhans (1786, 53 orientalische Handschriften und seltene Bibelausgaben) sowie der Stiftung von Peter Franz Agricola (1815/1843, 5662 Bände) umfangreiche Sammlungen von Gelehrten in den Bestand der Ministerialbibliothek ein. Zudem wurde die 1820 gegründete Synodalbibliothek mit der Ministerialbibliothek vereinigt.
 

Zwei bedeutende Sammlungen fanden im 20. Jahrhundert Aufnahme in den Bestand. 1949 gelangte die von dem Religionspädagogen Karl Reinthaler zusammengetragene Bibliothek des Martinsstiftes mit ihren wertvollen mittelalterlichen Handschriften, Inkunabeln und Reformationsdrucken in die Obhut der Ministerialbibliothek, und 1950 testierte der Pfarrer Johannes Martin Matthes seine 10. 000 Bände umfassende Sammlung dem Evangelischen Ministerium.
 

Während des Zweiten Weltkrieges waren die Bestände der Bibliothek ausgelagert und entgingen so der Vernichtung. Schon 1935 hatte man die neueren Bestände (nach 1800) der Stadtbibliothek zur Verfügung gestellt und nur den Altbestand zu musealer Nutzung im Kloster behalten. Dieser wurde von dem im Ruhestand befindlichen Stadtarchivar Alfred Overmann geordnet und katalogisiert. 
 

Mit der Zerstörung des spätmittelalterlichen Bibliotheksgebäudes durch einen Luftangriff am 25. Februar 1945 verlor die Büchersammlung nach dreihundert Jahren ihr Domizil. Nach dem Krieg war sie zunächst provisorisch in Nebenräumen aufgestellt. Zum Luthergedenkjahr 1983 konnte die Ministerialbibliothek ihre neuen Räume in dem in Anlehnung an alte Saalbibliotheken umgebauten Dormitorium (Ostflügel der Klosteranlage) beziehen.
 

Der heute dort verwahrte Buchbestand stammt aus acht Jahrhunderten. Von besonderer Bedeutung sind die historischen Handschriften und Drucke aus der Zeit vor 1850, die mit 13.000 Bestandseinheiten (20 Prozent des Gesamtbestandes) den überregional wahrgenommenen Kern der Bibliothek darstellen. Der Handschriftenbestand reicht ins 12. Jahrhundert zurück (Missale, um 1165). Zu ihm gehört auch die »bedeutendste und wertvollste aller Erfurter Chroniken« (Alfred Overmann), die von Magister Zachrias II Hogel verfaßte Stadtchronik aus dem 17. Jahrhundert. Aus der Gutenbergzeit sind 110 Zeugnisse der frühen Buchdruckkunst (Inkunabeln) zwischen 1450 und 1501 vorhanden, darunter deutschsprachige Bibeln aus den Jahren 1475 (Augsburg, Günther Zainer) und 1483 (Nürnberg, Anton Koberger). Hervorhebenswert sind des weiteren die Drucke und Autographen aus dem Jahrhundert der Reformation, unter denen sich beispielsweise 600 Flugschriften aus der Zeit vor 1550, die »Wittenberger» und »Jenaer« Lutherausgabe sowie mehrere Briefe von Luthers Hand befinden, darunter der weltweit älteste im Autograph erhaltene vom 5. August 1514 an Georg Spalatin. Zur Erforschung der Kirchen-, Literatur- und Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit im Thüringer und mitteldeutschen Raum stellen die Handschriften und Drucke des 17. und 18. Jahrhunderts unverzichtbare Quellen dar.
 

Die Bestände sind über alphabetische sowie systematische bzw. Sachkataloge erschlossen. Nach 1900 erschienene Bücher können außer Haus entliehen werden. Für die Benutzung des Präsenzbestandes stehen im Bibliothekssaal 20 Leseplätze zur Verfügung.
 

Als Depositum werden die Kirchenbücher der evangelischen Gemeinden der Stadt Erfurt aus dem Zeitraum 1573-1875 in der Bibliothek verwahrt. Außerdem können die Kirchenbücher sämtlicher Gemeinden der Kirchenkreise Erfurt und Mühlhausen auf Mikrofilmen recherchiert werden.


 


Literatur
 

  • Felicitas Marwinski u. a.: Bibliothek des Evangelischen Ministeriums zu Erfurt mit Bibliothek des Martinsstifts. In: Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland Bd. 19 (1998), S. 206-213.
  • Die Bibliothek des Evangelischen Ministeriums zu Erfurt. Geschichte, Bestände, Forschungsbereiche. Hg. von Michael Ludscheidt. Bucha bei Jena 1998 (Palmbaum Texte. Kulturgeschichte, 2).
     
  • Martin Bauer: Erfurter Personalschriften 1540-1800. Neustadt a.d. Aisch 1998 (Schriftenreihe der Stiftung Stoye, 30).
     
  • Michael Ludscheidt: Handschriften und Alte Drucke der Bibliothek des Evangelischen Ministeriums Erfurt, Erfurt 1999 (Erfurter Bibliotheken, 2).
     
  • Michael Ludscheidt: Bibliothekare an der Bibliothek des Evangelischen Ministeriums in Erfurt im 17. und 18. Jahrhundert. In: Bücher und Bibliotheken in Erfurt. Hgg. von Michael Ludscheidt u. Kathrin Paasch. Erfurt 2000, S. 123-142.
     
  • Michael Ludscheidt: Die Flugschriftensammlung der Martinsbibliothek in der Bibliothek des Evangelischen Ministeriums Erfurt. In: Flugschriften der Reformationszeit. Colloquium im Erfurter Augustinerkloster. Hg. von Ulman Weiß. Tübingen 2001, S. 9-16.
     
  • Michael Ludscheidt: Numismatica im Bestand der Bibliothek des Evangelischen Ministeriums Erfurt. In: Erfurter Münzblätter XIV/XV (2008), S. 13-27.
     
  • Michael Ludscheidt: „Seltenheiten orientalischer Litteratur“. Überlieferung, Erforschung und Verkauf der Erfurter hebräischen Handschriften. In: Zu Bild und Text im jüdisch-christlichen Kontext im Mittelalter. Hg. von der Landeshauptstadt Erfurt. Jena/Quedlinburg 2014, S. 80-107.
     
  • Michael Ludscheidt: Schatzkammer, Wissensspeicher, Gedächtnisort. Die Bibliothek des Evangelischen Ministeriums in Erfurt. In: Reformation in Bewegung. Erfurt zwischen 1517 und 2017. Hg. vom Evangelischen Kirchenkreis Erfurt. Leipzig 2017, S. 38-60.
     
  • Luise Hartung: Die Bibliothek des Evangelischen Ministeriums zu Erfurt. Rekonstruktion des Buchbestands zur Zeit der Bibliotheksgründung anhand des Liber Fundationis (1648). In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt 79 [N. F. 26] (2018), S. 75-132.
Scroll to Top